Flüchtlinge im Schloss

von Christine Helfer
Auf Schloss Velthurns wird im Juli eine Woche lang über Flucht und Zuflucht gesprochen und geschrieben. Maxi Obexer und Marianna Salzmann veranstalten die Summer School.

„Viel sprach ich bei passender Gelegenheit. Jetzt sag ich rücksichtlos das Gegenteil.” Diese Aussage der mythologischen Griechin Klytaimnestra ziert die homepage des Neuen Instituts für dramatisches Schreiben, Nids. Eine Initiative mit dem Ziel, die gesellschaftliche Bedeutung der dramatischen Künste, des Theaters und seiner Autoren wieder stärker in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu rücken. Gegründet wurde das Institut vor einem Jahr von  der in Feldthurns geborenen und in Berlin lebenden Autorin Maxi Obexer gemeinsam mit Marianna Salzmann. Obexer und Salzmann kommen nun mit einem einwöchigen Workshop nach Südtirol, genauer nach Schloss Velthurns, mit der Summer School für dramatisches Schreiben zu den Themen Flucht und Zuflucht.

Phrasen und Klischees dominieren unsere Kommunikation und Bilder zu Flüchtlingen

„Es ist ja wohl so, dass wir alle über Medien laufend zu Flüchtlingsthemen informiert werden, jedoch auf eine Weise, die kaum reflektiert ist, weder von den Medien, noch von uns selbst,“ erklärt Maxi Obexer die Absicht des Workshops. „Es gibt diese mediale Schallmauer die nie durchbrochen wird, und die uns Europäer immer wieder auf uns selbst und unsere Begrifflichkeiten zurückwirft.“ Der permanente Gebrauch von Phrasen wie „Festung Europa“ oder „Flüchtlingsproblematik“ reproduziert lediglich Klischees und Sprachformeln und lässt uns eindimensional und hoffnungslos auf das Thema blicken.

Hier könnten Künstler und Autoren in die Bresche springen, meint Maxi Obexer, ihre Sichtweisen könnten andere Fragestellungen aufbringen, ein genaueres Hinschauen ermöglichen, den Konformitäten auf die Spur kommen und versuchen, Berührungspunkte zwischen den Menschen, die auf der Flucht sind und jenen, die eben nicht auf der Flucht sind, herzustellen.

Autoren und Künstler sollen anders mit den Themen Flucht und Zuflucht umgehen als Journalisten und Experten

Maxi Obexer kennt die Materie gut, sie hat sich in ihrem Theaterstück „Das Geisterschiff“ intensiv mit einer der ersten großen Flüchtlingskatastrophen auseinandergesetzt, die im Mittelmeer passiert ist. 1996 sank vor Lampedusa ein Flüchtlingsboot mit 300 Menschen an Bord, 283 von ihnen kamen um, nur 7 konnten sich retten. „Diese sieben wurden klammheimlich abgeschoben, aber der eigentliche Skandal war, dass die italienische Regierung die ganze Geschichte zu vertuschen versuchte.“ Erst 2002 wurde das Ausmaß des Unglücks bekannt, ein Journalist deckte den Skandal auf. „Ich war dort und habe darüber recherchiert, wie diese Toten zum Verschwinden und zum Verschweigen gebracht wurden, später habe ich den Roman „Wenn gefährliche Hunde lachen“ geschrieben.“  Ein Roman aus der Ich-Perspektive eines flüchtenden Mannes auf dem Weg von Nigeria nach Europa. Wichtig war Obexer die Ich-Schreibform, weil es in vielen Berichten von Flüchtlingen kaum einmal um den Einzelnen geht, sondern stets um das Kollektiv, die Masse. Ihre letzte Arbeit zum Thema, „Illegale Helfer“, eine Hörspielproduktion, wird im Laufe des Workshops auf Schloss Velthurns vorgetragen; neben anderen interessanten Texten von Kathrin Röggla, Theaterautorin aus Salzbug, Sabrina Tophofen, einer Autorin, die auf der Straße lebt oder dem Poeten und Musiker Giacomo Sferlazzo aus Lampedusa.

Neben den Abendlesungen gibt es jedoch auch Vorträge mit Experten zu den Themen Flucht und Zuflucht; etwa die bekannte und mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnete Ärztin Monika Hauser, Samule Kidane aus Eritrea, der selbst geflohen war und nun in der Schweiz für Menschenrechte kämpft, die Asylexpertin Monika Weissensteiner, Elisabeth Tauber die zu Roma und Sinti forscht sowie die Autorin Irene Kacaendes, die über Krieg und Vertreibung sprechen wird. Die Vorträge finden an den Nachmittagen vom 20. bis 25. Juli statt und sind öffentlich zugänglich.

AutorenInnen mit Migrationshintergrund aus dem deutschen Sprachraum

Für die insgesamt 10 Teilnehmer am Workshop für dramatisches Schreiben sind die Vorträge und Lesungen Inspirationsquelle und Gelegenheit, tief in ein Thema einzutauchen. „Ich fordere dies auch von den Teilnehmern, dass sie so einfache Zuordnungen wie Opfer oder arme Menschen hinter sich lassen und Facetten aufspüren, die eine literarische, aber auch eine gesellschaftspolitische Qualität aufweisen,“ sagt Maxi Obexer. Dass sich zum Workshop 50 junge Autoren angemeldet haben, freut die Veranstalterin. „Und was mich noch mehr freut ist, dass es sehr viele Autoren mit Migrationshintergrund sind, aus dem gesamten deutschen Sprachraum.“ Auch Südtiroler sind beim Workshop mit dabei. Gerade hier, wo es kaum einen Raum für literarisches, und schon gar nicht für dramatisches Schreiben gibt, fällt die Nids-Initiative auf fruchtbaren Boden bzw. in eine Leerstelle, die gefüllt werden will. Politische und gesellschaftspolitische Ereignisse müssen wieder mehr mit künstlerischer Aktion in Berührung kommen, davon ist Maxi Obexer überzeugt.


http://salto.bz/article/26062015/fluechtlinge-im-schloss