Wir trauern um einen teuren Freund, um einen geschätzten Autor und Kollegen, um einen besonderen Menschen

 

Musaab Al Tuwaijari ist im Beratungszentrum des Roten Kreuzes in Saarbrücken, wo er als Psychologe tätig war, mit einem Messer angegriffen worden und daran verstorben. Was unfassbar ist, und noch lange so bleiben wird, wird in Wogen gewaltsam an unser Bewusstsein stoßen, wird uns die Hilflosigkeit und Ohnmacht spüren lassen, wird eine Wunde reißen, in jedem einzelnen von uns und im Herzen dessen, was uns zusammengeführt hat und was uns verbindet: Das Schreiben, die Möglichkeit, den anderen Realitäten auf die Spur zu kommen, auch das Schreiben gegen den Hass, gegen die Verkürzung, gegen die Polarisierung. Es ist das, was Musaab in besonderer Weise ausgemacht hat: sein Humor, der ihm den Blick gab für die irren Momente des menschlichen Lebens, aufzufinden im Kleinen, im Alltäglichen, im genauen Hinsehen. Es ist das, was er so gut konnte: genau hinsehen und verfolgen, wie aus dem einzelnen Moment eine Kette von immer verrückteren Situationen wird, in denen die Menschen fortgetragen werden – und es von außen so aussieht, als hätte der Irrsinn sie erwischt.

So verhält es sich in seinem ersten Stück „Ausgangssperre“, wo die drei Jungs, die zum gemeinsamen Pornogucken gekommen sind, so lange herumtrödeln, bis sie gezwungen sind, im Haus zu bleiben. Das staatlich verordnete Fernsehen bietet genau den Porno, den sie sich ansehen wollten. Der Obrigkeit widerstehen sie tapfer, sie verzichten auf den Porno und fangen an, sich Geschichten zu erzählen, Anekdoten, die entstehen, wenn politische Systeme aufeinandertreffen, wenn Krisen und Kriege daraus hervorgehen und Menschen in die ebenso absurden wie fürchterlichen Lagen geworfen sind. Und so ist es auch in seinem letzten Stück „Ungewiss“, wo ein Mensch verloren geht. Musaab durchspielt hier alles Menschenmögliche und lässt, in der Leere des Verlusts, die Phantasie verrücktspielen. Seit unserer ersten Begegnung in der Literaturwerkstatt „InZukunft“, ließ Musaab uns hineinschauen in die ungesehenen Winkel einer durchgeschüttelten Welt;; es sind ungewohnte Blicke, die er uns offeriert: der tänzelnde Monolog der „Tomahawk“, der stolzesten Rakete der Welt, oder, wie in seinem Text für „Utopia Europa“ der Monolog eines Geflüchteten, der die Evakuierung der Flüchtlingsunterkunft wegen eines möglichen Blitzeinschlags bei Gewitter kommentiert.

Musaab erlebte selbst eine Kindheit, die geprägt war vom Regime des Saddam Hussein, und von den Sanktionen der westlichen Mächte, geprägt von Hunger und Verlust. Und er setzte auf das menschliche Vertrauen, auf die Hilfe und auf die Solidarität, und er vertraute darauf, dass Heilung möglich ist. Mit ihm trifft es einen wirklich Guten, einen, der gehandelt hat, in seinem Beruf als Berater und als Autor. Mit ihm trifft es mitten ins Herz.

Unser tiefes Beileid gilt seinen Eltern und seinen Geschwistern. Wir erlebten sie voller Freude, als sie zur Premiere von „Ungewiss“ ins Studio des Maxim-­Gorki-­ Theaters kamen. Und unser tiefes Mitgefühl gilt Verena, seiner Frau, die ihn auf allen Ebenen geliebt hat, und die ihn als Autor unterstützt hat, wo sie konnte. Sie hat Musaabs Schreibprozesse begleitet, hat die Texte von den ersten Schritten bis zur letzten Nuance begutachtet.

Musaab, du wirst uns fehlen. Deine Warmherzigkeit, deinen Schalk, Deinen Humor, deine Phantasie, deine Welt und deine Texte werden wir in uns bewahren.

 

Maxi Obexer
Neues Institut für Dramatisches Schreiben