MANIFEST

FÜR EIN NEUES INSTITUT FÜR DRAMATISCHES SCHREIBEN

Theaterstücke stehen von ihren Ursprüngen her in der Funktion, die drängenden Fragen zu stellen, die eine Gesellschaft umtreibt.

Mit diesem wesentlich politischen Anspruch an diese Kunst möchten wir neben der künstlerischen Auseinandersetzung eine öffentliche Debatte anschieben mit dem Ziel, wieder ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was die Kunst des Dramatischen ist, was sie kann, und was sie können soll.

Wir legen Wert auf selbständig denkende und schreibende Autorinnen und unser Bestreben ist es, sie auf ihrem Weg zu einem künstlerischen Selbstbewusstsein zu fördern und zu begleiten.

Wir wollen das handwerkliche, theoretische und auch politische Rüstzeug entwickeln, das es ihnen ermöglicht, ihre Suche selbstbewusst zu führen – auch und insbesondere dann, wenn diese in der Abweichung und im Widerspruch zu den etablierten Formen fündig wird.

Voranbringen möchten wir die stärkere Präsenz von Autorinnen mit migrantischem Background; dies entspricht dem Bedürfnis nach einem Theater, das die internationale Verfasstheit der Gesellschaft stärker als bisher zu repräsentieren vermag und das bereit ist, aus dem Reichtum der kulturellen Hintergründe ihr größtes Innovationspotenzial zu schöpfen.

Die Frage nach der Form von Theaterstücken und ihre Beziehung zu ihren Stoffen soll die künstlerische Auseinandersetzung wesentlich prägen. Wichtige Fragen sind: Was verlangt der Stoff? Wie materialisiert er sich in der Form? Welche Form muss dafür erst noch gefunden werden?
Dies entspricht unserem Theaterverständnis, wonach sich dramatische Formen mit den gesellschaftlichen Wirklichkeiten ändern, sofern sie für die gegenwärtige Zeit mit ihren Fragen und Diskursen Ausdruck sein wollen. Entsprechend ist ein solcher Ausdruck dann, wenn der Stoff zu seiner Form findet – und nicht umgekehrt unter eine Form kommt.

Die Analyse der Formen, wie sie historisch geworden sind, welche politischen und ästhetischen Forderungen sie enthalten, ist wichtiger Teil unserer Lehre. Davon erwarten wir uns einen freien und selbstbewussten Umgang in der Suche nach dem eigenen künstlerischen Ausdruck.

Die wesentlichen Eigenschaften der dramatischen Kunst herauszustellen und zu fragen, was einen Text zum dramatischen Text macht, ist dabei zentraler Ausgangpunkt und bleibende Basis.

Es ist unser Ziel, dass die angehenden Autorinnen ebenso gut im Analysieren sind wie im Erfinden neuer Formen.

Anstelle einer Fortsetzung der rein künstlichen Trennung aus Dramatik und Postdramatik, konzentrieren wir uns auf die Gemeinsamkeiten der dramatischen Gattungen, die besonders dort gegeben sind, wo es um den sprachlichen Ausdruck als ein Mittel der künstlerischen Darstellung geht. Gegenstand unserer Forschung und Lehre sind sämtliche Texte, die fürs Theater gedacht und geschrieben sind. Dazu zählen Dialogstücke, Mischformen aus dialogischem und monologischem Sprechen, chorische Formen ebenso wie performative Gattungen und die verschiedenen Formen des dokumentarischen Theaters und des Hörspiels.

Maxi Obexer, Marianna Salzmann

MANIFESTO

FOR A NEW INSTITUTE FOR DRAMATIC WRITING

 

From its beginning, dramatic art has been conceived to react to the main questions a society poses at its present time.
With this mainly political claim we want to develop a new public awarness of what the dramatic art is, what it can be, and for what it should be.

We value writers as being autonomous in their thinking and writing and our aim is to support and accompany them on their way to developing a strong artistic literary self-confidence.
We strongly want to bring forward the presence of diversity among dramatists and writers. This encounters our idea of a theater that is able to express the present society, which is open to receive and work with the cultural richness by considering it its biggest artistic potential.

We support the practical and theoretical, as well as political skills, which allow them to follow their search confidently even though – or even more – if it sometimes leads to the divergence of the established forms.

The question about dramatic forms, why they have to be considered political, and their relation to the material will be the center of our debates and teaching. 
What does the material demand? How can we discover its own reality, its own fabric, and transform it into an adequat dramatic form? What do we need in order to develop innovative forms? Considering such questions, the adequate form is found when the material has found its own form – instead of the material submitting to a given form.

The analysis of historical forms, how and by which political and estetic concepts they were generated, as well as the returning question of what is elementary for the dramatic art, are of equal importance with the last question: what should the dramatic art mean for us in our present time?

Maxi Obexer
Sasha Marianna Salzmann