Was will das Tier?

Katzen streicheln wir, Kälbchen essen wir; in anderen Kulturen ist es andersrum. Um die Beziehungen von Tieren zu Menschen geht es im Vortrag von Gabriela Kompatscher Gufler von der Universität Innsbruck, die am Montag, 4. September auf Schloss Velthurns über ihre „Human-Animal-Studies“ sprechen wird. Hier ein Interview vorab.

Sie leiten den Bereich Gräzistik und Latinistik an der Universität Innsbruck, dahinter würde man keine Tierrechtlerin vermuten – wie hängt das zusammen?

Gabriela Kompatscher-Gufler: Das eine betrifft die berufliche Laufbahn, das andere die persönliche Entwicklung. Seit einigen Jahren kann ich jedoch beides miteinander verbinden: Ich habe zahlreiche lateinische Texte aus Antike und Mittelalter gefunden, die freundschaftliche Beziehungen zwischen Menschen und Tieren dokumentieren: Heilige, die Tiere freikaufen bzw. befreien, Eremiten, die hungrige und verletzte Tiere wieder aufpäppeln, Ritter, die stolz auf ihre Hunde sind, Äbte und adelige Damen, die den Verlust ihrer tierischen Lieblinge zutiefst betrauern – all dies bezeugt, dass Tierliebe kein modernes Phänomen ist.

Für mich war es mehr als erstaunlich zu sehen, dass auch Menschen vergangener Epochen und auch Menschen nicht-westlicher Kulturen ein Zusammensein mit Tieren anstreben, das nicht von ökonomischen Überlegungen ausgeht. Erklärungsansätze gibt es dafür wahrscheinlich mehrere. Um einen naturwissenschaftlichen zu bemühen: Wohlfühlhormone wie z.B. das Oxytocin werden nicht nur bei positivem körperlichem Kontakt zwischen Menschen ausgeschüttet, sondern auch, wenn wir ein Tier streicheln, und zwar sowohl beim Menschen als auch beim Tier, sofern das Tier freiwillig in dieser Situation verharrt.

Unser Belohnungszentrum im Gehirn wird also aktiviert, wenn wir Tiere streicheln.

Mit der Untersuchung von Texten dieser Art kann ich also mein privates Interesse mit meinem beruflichen verbinden.

An der Universität Innsbruck gibt es seit einigen Jahren den Forschungsbereich „Human Animal Studies“ – was ist darunter zu verstehen?

Die Human-Animal Studies sind ein neues interdisziplinäres Forschungsfeld, das die komplexen Interaktionen, Verhältnisse und Beziehungen zwischen Menschen und anderen Tieren untersucht und analysiert, wie sich Menschen und Tiere gegenseitig beeinflussen. Neu ist die Sichtweise, die dabei eingenommen wird. Anhand der Grundprinzipien, an denen sich unser Team an der Universität Innsbruck orientiert, möchte ich diese darlegen:

  • Human-Animal Studies respektieren Tiere als solche, erkennen sie als Akteure (Akteur_innen) mit Wirkungsmacht (agency) an und sehen sie als Subjekte – nicht als Objekte –, und als Individuen mit eigenen Erfahrungen, Interessen, Perspektiven und Empfindungen.

  • Kulturelle, philosophische und gesellschaftliche Glaubenssätze und Konstruktionen (wie etwa die Mensch-Tier-Grenze oder die willkürliche Einteilung von Tieren in Kategorien: „Nutztiere“, „Haustiere“, etc.) werden analysiert, kritisch hinterfragt und bei Bedarf dekonstruiert.

  • Gleichzeitig werden die Unterschiede zwischen verschiedenen menschlichen und nichtmenschlichen Tieren anerkannt, beachtet und möglichst berücksichtigt (Anerkennung und Inklusion von Differenz).

  • HAS plädieren dafür, eine rein anthropozentrische Perspektive zu überwinden und stattdessen die Perspektive der Tiere miteinzubeziehen. Sie fragen sich also u.a.: Was will das Tier? Wie sieht das Tier auf die Welt? Etc.

  • HAS versuchen, jeglichen Speziesismus zu überwinden, und bemühen sich um eine tiergerechte Sprache (vgl. dazu die Ökolinguistik).

  • HAS haben die Aufgabe, die Gesellschaft in Bezug auf ihren Umgang mit Tieren zu sensibilisieren und zu einer Verbesserung der Verhältnisse beizutragen.

Was erfahren die Studierenden konkret über die Mensch-Tier-Beziehung, bzw. welche spezifischen Lerninhalte werden vermittelt?

Bei diesen Ringvorlesungen tragen verschiedene Kollegen und Kolleginnen aus dem In- und Ausland zum Thema Mensch-Tier-Beziehung vor, z.B. zur Tierethik (in der antiken und in der modernen Philosophie), zu unserem Sprachgebrauch, der Tiere vielfach abwertet (z.B. indem man verschiedene Begriffe für ein und dasselbe Phänomen verwendet: „essen“, „trinken“, „schwanger“ bei Menschen, „fressen“, „saufen“, „trächtig“ bei Tieren), zur Massentierhaltung, zum Tier im Recht, zur Dekonstruktion der Mensch-Tier-Grenze (die ja ein menschliches Konstrukt, und noch dazu wissenschaftlich nicht haltbar ist), zu ethischer Ernährung aus medizinischer und ernährungswissenschaftlicher Sicht, zur Psychologie des Fleischessens (Katzen streicheln wir, Kälber essen wir, obwohl es sich bei beiden um Lebewesen mit Emotionen, Bedürfnissen, Schmerzempfindlichkeit etc. handelt) und zu vielen weiteren Themen mehr.

Das Interesse der Studierenden ist so groß, dass wir z.T. schon über 1.000 Anmeldungen pro Kurs hatten. Dazu kommen noch zahlreiche interessierte ZuhörerInnen von außerhalb der Universität. Viele Studierende wählen das Thema „Human-Animal Studies“ auch für ihre Abschlussarbeiten.

Wie kam es, dass Sie sich für Tierrechte und Tierethik auch wissenschaftlich engagieren?

Die Erkenntnis, dass Tiere uns in vielem ähnlich sind, dass sie Schmerzen, Hunger und Durst spüren können, dass sie Emotionen haben (z.B. dass Tiermütter, etwa Kühe, den Verlust ihrer Kinder betrauern, was ebenso wie lebenslanges Eingesperrtsein ohne Umweltreize nachgewiesenermaßen zu Depressionen führen kann), dass es also nicht fair ist, Tiere z.B. für einen kurzen Gaumenkitzel auf engstem Raum einzusperren, Tausende Kilometer weit zu transportieren und (oft genug unter unzureichender bzw. qualvoller Betäubung – Vergasung mit Kohlendioxid) zu töten.

Dies hat dazu geführt, dass ich mich dem Grundsatz zahlreicher EthikerInnen angeschlossen habe, die vorschlagen, dass gleiche Interessen bei Mensch und Tier gleich berücksichtigt werden sollten.

Vom Grundprinzip des Lebens und von den Migrationen in der Tierwelt wollen wir in der Summer School 2017 in Feldthurns sprechen, was werden Sie beitragen?

Ich werde darüber sprechen, wie Human-Animal Studies die vielfältigen Verflechtungen zwischen Menschen und anderen Tieren sichtbar machen. Diese Verflechtungen werden von unserer Kultur vielfach geleugnet, damit der Mensch seine Sonderstellung nicht verliert und sich weiterhin berechtigt sehen kann, alle anderen Tiere nach seinem Gutdünken zu gebrauchen. Wie die Naturwissenschaften zeigen, sind auch Menschen in die Kategorie „Tiere“ einzuordnen und nicht davon abzutrennen. Wenn wir Menschen aus dieser Kategorie herausnehmen und allen anderen Tieren gegenüberstellen, ist das so, als ob wir die Katzen herausnehmen und allen anderen Tieren (inklusive aller anderen Katzenartigen und inklusive Menschen) gegenüberstellen wollten. Tatsächlich aber sind z.B. Schimpansen und Bonobos enger mit dem Menschen als mit dem Gorilla verwandt, weshalb einige WissenschaftlerInnen (wie Morris Goodman oder Volker Sommer) fordern, diese beiden zusammen mit dem Menschen in die Gattung „Homo“ einzuordnen (vgl. auch das Great Ape Project).

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass auch andere Tierarten über kognitive, emotionale und soziale Fähigkeiten verfügen, macht die Annahme einer Mensch-Tier-Grenze überflüssig. Allerdings tun wir uns schwer damit, dies anzuerkennen, da wir dann in Hinblick auf die Tiere Konsequenzen ziehen müssten, die uns unbequem erscheinen (siehe den Grundsatz: „Gleiche Interessen sollen gleich berücksichtigt werden“).

Auch über unsere Kategorisierung von Tieren werde ich sprechen: Ein Meerschweinchen gilt bei uns als Haustier, in anderen Kulturen als Nahrungsmittel – welche Kultur hat nun recht? Daran sieht man, dass die Kategorisierung von Tieren als Kuscheltiere, Nahrungsmittel, Versuchstiere etc. mitunter rein willkürlich ist und nichts mit dem realen Tier zu tun hat. Diese Kategorisierungen versperren uns den Blick auf das Tier als solches: Wir hinterfragen daher nicht, ob es gerecht(fertigt) ist, ein Kalb zu töten, da wir es ja schon als „Nutztier“ kategorisiert haben. Doch zunehmend fühlen sich viele Tierfreunde und Tierfreundinnen unbehaglich beim Gedanken, dass z.B. ein Ferkel oder ein Küken in die Kategorie „Nutztiere“ eingeordnet wird, obwohl es ähnliche Bedürfnisse wie ein Kätzchen oder ein Hundewelpen hat.

Wir können hier von Speziesismus sprechen, wenn wir die einen, die Kätzchen, streicheln und die anderen, die Kälbchen, essen. Der Begriff ist eine Analogiebildung zu Rassismus und Sexismus. Er bezeichnet die Diskriminierung eines Lebewesens aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Art.

Auch das psychologische Dilemma, das sich daraus ergibt, werde ich ansprechen: Eigentlich wollen wir ja nicht, dass Tiere leiden müssen, und trotzdem praktizieren wir eine Ernährungsform, die dieses Leiden in Kauf nimmt (vgl. auch Melanie Joy). Für viele tierliebe Menschen ist der Ausweg der einer vegetarischen bzw. veganen Ernährung (die gleichzeitig auch heimische Obst- und Gemüsebauern unterstützt).

Ein weiteres Thema wird meine eigene Disziplin sein, die Literaturwissenschaft, und die Frage, wie Literatur die Entwicklung von Mitgefühl für Mensch und Tier unterstützen kann.

Welche Erkenntnisse bringen die Vergleiche von Tieren und Menschen?

In den HAS geht es auch um die Anerkennung und Inklusion von Differenz.

Es gibt nicht die eine Grenze zwischen Menschen und Tieren, wohl aber (z.T. fließende) Abgrenzungen und Unterschiede zwischen den verschiedenen Tierarten (inkl. Menschen).

Diese Unterschiede zwischen verschiedenen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren sollen weder geleugnet noch vernachlässigt werden, sondern sowohl im wissenschaftlichen als auch im gesellschaftlich-alltäglichen Bereich anerkannt, beachtet und möglichst berücksichtigt werden. Hunde haben andere Bedürfnisse als wir, aber auch andere als Katzen oder Ratten. Es gibt also, z.B. im juristischen Bereich, diese beiden Ansätze: den Gleichheits-Ansatz (Tiere sind gleich wie wir und deshalb müssen sie geschützt werden) und einen differenzorientierten Ansatz (Tiere sind anders als wir, aber trotzdem müssen sie geschützt werden). Der Gleichheitsansatz führt dazu, dass wir Anderssein immer als Ausschlusskriterium betrachten, der Differenzansatz jedoch würde diese Problematik ausschalten und im Gegensatz zu einer Anerkennung und Inklusion von Differenz führen (vgl. Michel/Stucki 2015).

Der Vergleich von Menschen und anderen Tieren hat gezeigt, dass es eine Reihe von Fähigkeiten gibt, die manche Tiere mit den Menschen teilen: Intelligenz, Theory of Mind, Emotionen, Kultur usw. – bedeutet das, dass wir und diese Tiere eine Sonderstellung gegenüber anderen Tieren haben?

Den meisten VertreterInnen der HAS geht es also nicht darum, alle gleich zu machen; damit würden auch die spezifischen Eigenheiten von Tieren übersehen werden. Gegen diese Tendenz des Gleichmachens spricht sich z.B. auch der Philosoph und Biologe Hans Werner Ingensiep aus, z.B. in einer Sendung von David Precht auf 3sat (9.8.14); es sind ja nicht alle gleich, und es gibt ja Unterschiede zwischen den verschiedenen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren, und diese sollten, wie gesagt auch beachtet und im besten Fall berücksichtigt werden. Im Fokus steht vielmehr die Bemühung, diese Trennung zwischen Mensch und Tier aufzuheben, denn sie ist wissenschaftlich nicht mehr tragbar. Dieser Erkenntnis aus der Biologie öffnen sich die anderen Disziplinen, mit Ausnahme vielleicht der Philosophie, nur widerwillig.

Aber wir werden nicht umhinkommen, uns angesichts von Umweltverschmutzung, Ressourcenknappheit, gesundheitlichen Problemen (Antibiotikaresistenzen etc.) und ethischen Bedenken vieler Menschen mit der Thematik der Tierausbeutung auseinanderzusetzen und ein nachhaltiges wirtschaftliches System zu etablieren – in unserem ureigensten Interesse.

Interview: Christine Helfer für Summer School Südtirol 2017, August 2017

Gabriela Kompatscher Gufler, geboren in Brixen, ist Dozentin am Institut für Sprachen und Literaturen der Universität Innsbruck, Bereich Latinistik und Gräzistik, außerdem betreut sie die Vorlesungsreihe „Human-Aninmal-Studies“.