Summer School

SUMMER SCHOOL 2015 FÜR DRAMATISCHES SCHREIBEN

Mit der Summer School 2015 möchten wir angehenden und erfahrenen Autorinnen * eine konzentrierte Auseinandersetzung mit der dramatischen Kunst ermöglichen. In dieser Werkstatt soll es um einen Austausch zwischen Autorinnen aus Deutschland, Österreich und Italien geben, wobei ein besonderer Bezug auf das literarische Schaffen von Autorinnen mit migrantischer Biographie gelegt werden soll. Der zweite Teil besteht aus einem öffentlichen Forum zum Thema Flucht und Zuflucht. Zusammen mit Betroffenen sowie Fachleuten aus Sozialwissenschaft, Politik, Philosophie und Kunst soll das Thema von verschiedenen Perspektiven beleuchtet und reflektiert werden.

Flucht und Zuflucht

Das Schicksal der vielen heimatlos gewordenen Menschen bewegt und erschüttert weltweit – und es fordert Europa heraus, mit seiner Politik, seinen Werten, mit der zentralen Frage nach unserer Humanität.
Flucht bedeutet, auf eine Zuflucht angewiesen zu sein und auf solche, die sie gewähren. Beteiligt sind daher sowohl jene, die geflohen sind, als auch jene, die mit ihrer Unterstützung ein Ankommen ermöglichen. Ohne sie kommt keine Flucht zu einem Ende.
Nationale Gesetzgebungen und die europäischen Asylpolitik – die sich gegenseitig blockieren, verhindern genau dies: eine klare menschliche und solidarische Haltung.
Stattdessen ist Hilfe ist zu einer brisanten Sache geworden, aus der unversehens ein krimineller Akt werden kann.
Wie gehen Sozialarbeiterinnen damit um, wenn sie täglich den Menschen einerseits, und den Gesetzen andererseits gerecht werden wollen?
Welchen Einfluss haben Gesetze, aber auch politische Äußerungen und Polarisierungen auf gesellschaftliche Haltungen und Meinungsprozesse? Wie entsteht Solidarität, und wo besteht sie bereits?


* Wir verwenden im Folgenden durchgängig das generische Femininum.

RÜCKBLICK

Teilnehmer*innen:

Musaab Al-Tuwajieri, Katherin Bryla, Joachim Goller, Anna Gschnitzer, Maria C. Hilber, Petra Kraxner, Mehdi Morappour,  Serena Osti, Martin Plattner, Mika Stolte

Referent*innen und Mentor*innen:

Ulrike Draesner, Monika Hauser, Irene Kacandes, Samuel Kidane, Walter Lorenz, Giacomo Sferlazzo, Elisabeth Tauber, Sabrina Tophoven, Monika Weissensteiner
sowie: Marianna Salzmann, Maxi Obexer, Kathrin Röggla


Maxi Obexer
Eröffnungsrede zur Ersten Summer School Südtirol zum Thema »Flucht / Zuflucht«
am 19.07.2015

Wie schreibe ich eine Eröffnungsrede?
Am besten vielleicht, indem ich noch einmal die Gelegenheit ergreife und mich frage, was denn der ursprüngliche Gedanke, der ursprüngliche Anlass war, eine Summer School zu veranstalten, in der künstlerisch Schreibende auf Menschen treffen, die geflüchtet sind, auf Menschenrechtsaktivistinnen, auf Sozialwissenschaftler, Anthropologinnen und anderen Reflektoren des Realen und Gegenwärtigen. Gründe gab es viele. Einen Moment aber, den Blitz eines Gedankens, oder einer Beobachtung, möchte ich herausgreifen:
Wir lassen uns sehr allein.
Wir lassen die Menschen allein, die Not, Krieg, Gewalt, die Sorge ums eigene Leben, oder um das der eigenen Kinder dazu bewegen, alles zurückzulassen und zu fliehen, sich auf ein Wagnis einzulassen, von dem sie nicht wissen können, wohin es sie in dieser Welt bringen wird, auf welche Menschen sie treffen werden.
Wer den Zug von Verona nach München besteigt, der täglich mehrere Male durch dieses Tal hier fährt, kann sie sehen, wie allein sie sind, die Jungs, wenn sie aus dem Zug rausgeholt und auf den Bahnsteig gestellt werden, wo sie jeder Fahrgast anstarren kann solange bis der entleerte Zug wieder anrollt. Jungs, wie sie hierzulande gerade aus der Schule kommen, sich den Fußball greifen oder zum Trompetenkurs gefahren werden.
Wir lassen die allein, die sie als einzige nicht allein lassen, die ihnen das zukommen lassen, was ihnen die Gesetzgebung der Eu-Staaten nicht zugesteht: menschliche Hilfe und Unterstützung, ich denke an all die vielen Einzelnen, die sich aus freier Entscheidung, und uneigennützigem Antrieb für sie einsetzen. Und dabei nicht selten riskieren, sogar straffällig zu werden. Diese verborgenen Helfer werden kaum je erwähnt – dabei stellen gerade sie eine mündige Zivilgesellschaft dar.
Zu ihnen gehören auch die Menschenrechtsaktivisten, die ihre tägliche kontinuierliche Hilfe mit politischem Engagement verbinden; und die zu Recht auf die Menschenrechte verweisen – denn die werden missachtet von unseren europäischen Staaten.
Allein sind auch sie – und wie selbstverständlich verlassen wir uns auf Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen; doch fragen wir sie, oder wissen wir, wie viel Einsatz und wie viel Kraft sie aufbringen; wie verzweifelt sie manchmal sein mögen, wenn sie die Newsletter – die Botenberichte von den Krisen, Kriegen und Katastrophen an uns verschicken?
Und da sind wir, die sich empören über die Asyl- und Fluüchtlingspolitik, fassungslos darüber sind, wie selbst die steigenden Zahlen der Toten, die blankes Entsetzen hervorrufen muüssten, einen leichten Wellengang in der EU-Diplomatie auslösen – und weitere Ohnmacht bei uns. Und wir verachten die rechten Status- und Revierverteidiger mit ihrem hasserfüllten Feindesblick auf die Welt und die Menschen – und noch mehr verachten wir es, wenn sich die Politiker von ihren erpressen und manipulieren lassen und am Ende in deren Sinne entscheiden – weil sie angeblich die Mehrheit darstellen?
Vielleicht lassen wir auch die Politiker allein, jedenfalls die, die sich ernsthaft fuür eine mündige und menschliche Zivilgesellschaft einsetzen.
Ja, da sind also wir, mit dem Entsetzen über die Kaltherzigkeit, und mit dem Wissen, dass es so, wie es ist, nicht sein dürfte. Und einem Mitgefühl, das wir unterdrücken, weil wir nicht wissen, wie und was damit zu tun wäre.
Und wir lassen auch uns selbst allein damit, mit dem schlechten Gewissen, das sich schon lange regt. Und das deutlich ist und das uns unruhig suchen lässt nach einem Loch in der Schallmauer unserer medialen Diskurse und Begrifflichkeiten, die uns tiefer und tiefer in die Ohnmacht hineindrücken.
Es ist jedenfalls nicht nötig, uns ins Gewissen zu reden, denn das ist hellwach; und auch wachgerüttelt werden müssen wir nicht mehr. Was wir brauchen ist vielmehr ein: Wie: Wie finden wir heraus aus dieser Gewohnheitsschleife, in der wir täglich an mehr Tote gewöhnen? Wie kommen darüber hinweg, dass wir abstumpfen?
Wie finden wir heraus aus den Trennungen zwischen ihnen, den kategorisierten Armen, Elenden, Opfern – und uns? Wie finden wir zu ihnen – als Menschen? Wie können wir handeln?
Handeln beginnt mit einer Auseinandersetzung. Mit der eigenen persönlichen Konfrontation und Suche. Wer sich auseinander setzt und Kenntnisse gewinnt, wird bald erkennen, wie viel Ahnungslosigkeit im Spiel ist. Mit welch geringen Kenntnissen vollmundig geurteilt, gerichtet, abgegrenzt wird. Und wird damit aufhören.
Wer sich darauf einlässt, nicht die eine Lösung zu bekommen, sondern nach Urspruüngen und Zusammenhängen zu suchen, wird bemerken, dass auch die Trennung zwischen der Welt jener, die fliehen, und unserer Welt, nur eine Behauptung ist – nicht die Realität, nicht die wirtschaftliche, nicht die politische, auch nicht die kulturelle oder geschichtliche.
Wer die Zusammenhänge erkennt – und anerkennt, dem erreichen die kolonialistisch geprägten Zuschreibungen, Stereotypien, Klischees nicht mehr, auch nicht der Gestus der Herablassung. Wenn wir anfangen, mehr zu verstehen, hört die Besserwisserei ganz von alleine auf – sie gibt sich ihrerseits als elende Tradition zu erkennen.
Und wenn die verschiedenen inneren Festungsmauern bröckeln, die auch die gegenwärtigen Gesetze errichten, dem wird es nicht mehr schwerfallen, da zu sein, angekommen zu sein und sie ihrerseits ankommen zu lassen.
Aber ich möchte nicht Antworten geben, bevor wir beginnen, sie zu suchen.
Mit jenen, die in dieser Woche hier sein werden, Menschenrechtsaktivistinnen, wie Monika Hauser, die selbst vor einiger Zeit aufgebrochen war und immer wieder aufbricht in Welten der Gewalt, von denen uns nur noch Botenberichte ereilen, um Frauen zu helfen, die regelmäßig zu den ersten Kriegsopfern gehören – und regelmäßig vergessen werden.
Oder Samuel Kidane, Geflohener aus Eritrea, heute Begründer von Wirtschaftsförderprojekten zwischen der Schweiz und den afrikanischen Ländern. Es ist noch keine zehn Jahre her, seit er geflohen ist – und eine Flucht erlebte, die ihn sein Leben lang begleiten wird.
Ich könnte noch etliche andere aufzählen, wie Giacomo Sferlazzo, Künstler und Aktivist aus Lampedusa, Monika Weissensteiner, Asylexpertin und gerade am Brenner pausenlos aktiv, oder Elisabeth Tauber, Anthropologin, die uns die heutige Situation der seit jeher verfolgten Roma und Sinti beschreiben wird.
Wir kommen zusammen mit Boten, die uns die Wirklichkeiten ausleuchten, geschichtliche, äußere und auch innere: die inneren Wunden, Schäden, Traumata, das, was im Inneren weiterleben muss – nach der Zerstörung.
Und mit Absicht soll es nicht nur um die gegenwärtigen Fluchten der »Anderen« gehen, sondern auch um jene, die unsere eigenen Vorfahren erlebt haben – und die wir daher auch noch in uns tragen. Irene Kacandes wird darüber sprechen, was im Gedächtnis haften bleibt, bzw. welche persönlichen, aber auch familiären und kollektiven Kreationen die Erinnerung schafft, besonders wenn es um Kriegstraumata geht.
Eine andere Erforscherin von Kriegsbeschädigung, und auf welch verborgene, dennoch nicht minder prägende Weise sie an die Kinder und Enkelkinder weitergegeben wird, ist Ulrike Draesner, der es um die Vertriebenen während des zweiten Weltkrieges geht. Auf sie komme ich gleich noch zu sprechen.
»Jeder wie er kann. Nicht mehr, auch nicht weniger.«
Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern von einer, die als Beamtin ein Doppelleben führt, indem sie Unterstützung anbietet, wo die Bürokratie keine mehr vorsieht. Die die gesetzlichen Grenzen nicht akzeptiert, wenn es darum geht, Menschen vor der Abschiebung zu retten, und wie wir wissen, kann ihr dies sehr schnell als Beihilfe zur Illegalen Einwanderung, als Schlepperei ausgelegt werden. Sie würde es den Beamtenstatus kosten. Jeder, wie er kann. Und wie können wir Autoren? Auch dafür sind wir hier. Um uns mit dieser Frage nicht allein zu lassen, um stattdessen nach den künstlerischen Möglichkeiten zu suchen. Die dramatische Kunst von ihren Urspüngen her immer schon eine Kunst gewesen, die genau dies anbietet und fordert: die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, zu Fragen, die sie umtreibt – oder: umtreiben sollte.
Als Künstler, die mit Wort und Sprache arbeiten können wir uns fragen: welchen Ausdruck, welche Perspektiven und welche Formen können wir finden, mit denen wir über die etlichen Sackgassen, in die wir uns gedanklich von Medien und Polit-Talks hineinlotsen lassen, hinausgelangen?
Statt von Massen, können wir von Individuen sprechen, damit wäre anzufangen. Von Menschen mit Namen, mit einer Vergangenheit, und einer Zukunft. Wir können andere Geschichten erzählen, andere Narrationen, als die gewohnten, wir können Hintergründe in den Vordergrund rücken, Widersprüche, gegenseitige Bedingtheiten darstellen, Unlösbares aufkommen lassen, um uns mit den richtigen Fragen, nicht mit den falschen Antworten nach Hause schicken.
Wir müssen auch uns – und unsere verdrehte Art, mit Konflikten umzugehen, zum Thema machen. Mit einer Literatur, wie sie Kathrin Röggla schreibt, wenn sie sich gegen die mediale Aufgebrachtheit und Hysterie stellt.
Oder wie Marianna Salzmann: die dem allumfassenden Gestus der Ausgrenzung die radikale Einbindung aller Minderheiten entgegenstellt, und diese Wirklichkeit zur Normalität erhebt, was ja tatsächlich viel eher der heutigen gesellschaftlichen Realität entspricht.
Wir können, wie Ulrike Draesner in ihrem letzten Roman nach dem suchen, das zuerst zugrunde geht, wenn Kriege und Unmenschlichkeit herrschen: es ist meist das Fragilste, das Schutzbedürftige, das Zerbrechlichste. Und erst der Verlust wird uns lehren, dass es das Kostbarste ist.
Aber auch jetzt will ich nicht vorgreifen: eines vielleicht noch: Kunst ist nicht Politik – und sie ist auch nicht Politik mit anderen Mitteln. Es wird, neben den politischen Formen des dramatischen Schreibens, womit wir uns beschäftigen werden – auch darum gehen, die genaue und scharfe Grenze zwischen Politik – und Politischem herauszufinden und zu ziehen. Diese Auseinandersetzung zu führen – zusammen mit den Autorinnen und Autoren der Ersten Summer School Südtirol, freue ich mich.